IAA 2011: Freie Fahrt für neue Autos – bis zum nächsten Stau

Hurra, IAA! Wie eine heilige Messe (sic!) wird die Internationale Automobil-Ausstellung 2011 in allen ihren Facetten der Eröffnungsshows zelebriert. Und die IAA ist kaum gestartet, schon werden die ersten Rekorde erwartet. Die vertretenen – und welcher ist es nicht – Automobilhersteller trotzen der Euro-Krise, globalisiert geschüttelter Weltwirtschaft und immer neue Erwartungen an zukunftsweisende Antriebstechnologien. Ihre Antwort auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ansprüche: Die höchste Anzahl neuer Modelle, ever – an 183 Weltpremieren – oder zumindest seit dem Allzeithoch-Jahr 2007.

Kein Wunder, dass der Vorsitzende des Verbands Deutscher Automobilhersteller (VDA), Mathias Wissmann, jubiliert:

„2011 wird ein Autojahr. Weltweit wird der Markt in diesem Jahr auf über 65 Millionen verkaufte Pkw steigen, 10 Millionen mehr als noch vor zwei Jahren und ein neuer Rekord. Die Prognose für das Jahr 2020 lautet 90 Millionen Pkw weltweit!“

IAA 2011 Logo 560x373Die Besucherströme werden in Frankfurt am Main mit Sonderpreisen (ab 15 Uhr für 8 Euro) und dem Gegenteil davon, jedenfalls an den beiden Wochenenden (Tickets kosten unverschämt interessante 15 Euro) geschickt Richtung der Blechkarossen auf Silbertabletts und neben Hostessen-Minis in und durch die Messehallen gelenkt. Immerhin funktionieren, abseits von Straßen, die Leitsysteme noch, und die State-of-the-Art Modelle stehen ganz gewollt einträchtig nebeneinander.

Doch wehe, wenn sie losgelassen – schon unmittelbar vor der Tür auf innerstädtischen Straße Friedrich-Ebert-Anlage droht der Kollaps. Dabei wurde der erste Stau vor immerhin rund einem halben Jahrhundert per Verkehrsfunk durchgegeben, damals zwischen Köln und Leverkusen. Ein Rezept dagegen? Bis heute Fehlanzeige! Die Gründe für solche Ansammlungen von innovativen Mobilitätsgeräten sind so vielfältig und doch immer wieder von den gleichen Hauptmomenten bestimmt: hohes Verkehrsaufkommen, Baustellen (zusammen Ursache für 75 Prozent aller Staus gemäß ADAC) Unfälle sowie zu schnellem (sic!) oder zu langsamem Fahrverhalten. Dabei befinden wir uns im Jahr 2011 und inmitten der Wiege der Schöpfung des Autos!

Die Fakten sind deutlich, gemäß ADAC-Daten aus 2010:

  • 185.000 Staus – das bedeutet +32 Prozent gegenüber 2009.
  • 400.000 Kilometer Stillstand auf deutschen Fernstraßen – ein Plus von 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Dennoch setzt die regierende deutsche Politik setzt weiter auf die Straße: Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer will den Verkehrsfluss in Gang halten (oder bringen) und lässt immer mehr elektronische Verkehrsbeeinflussungsanlagen einrichten (siehe dazu auch Posting Weg vom Stau: Europäische EasyWay Umfrage 2011 zu dynamischen Anzeigetafeln auf Autobahnen vom 08. August 2011). Die Investitionen bedeuten Kosten von über 100 Millionen Euro. Experten aus Theorie und Praxis halten dies lediglich für Maßnahmen zur Umverteilung des Verkehrs. Ist die Strecke A dicht, weichen die Autofahrer aus. Entweder auf direktem Wege auf Strecke B oder statt jener, die dann erneut im Stau stehen, „weiträumig“, das kennen wir aus dem Verkehrsradio. Dabei liegen Pläne für einen Ausbau ebenfalls längst in der Schublade: Entlang des Bedarfsplans des Bundesverkehrsministeriums, wonach zwischen 2001 und 2015 ein Ausbau von insgesamt 2.200 Kilometer vorgesehen ist, wurden 30 Prozent bis Ende 2010 verwirklicht.

Der bekannte Verkehrsforscher Professor Michael Schreckenberg, tätig am Lehrstuhl der Physik von Transport und Verkehr an der Universität Duisburg-Essen, kennt jedes Stau-Szenario und relativiert:

Nicht wir stauen oder verstauen etwas, sondern wir werden „gestaut“. […] Und das ärgert uns: Mit allen technischen und wissenschaftlichen Mitteln versuchen wir, Herr über den Stau zu werden, häufig mit zweifelhaften Erfolgsaussichten. Doch Stau ist etwas ganz Natürliches, überall in der Natur ist er präsent.

So können wir also dem nächsten zähfließenden Verkehr ganz gelassen entgegen blicken, sei es mit dem vorhandenen Auto oder mit einem ganz neuen Modell, frisch von der IAA 2011.
Und wer in der Zwischenzeit einmal „Natur“ spielen möchte, zumindest digital, dem sei diese erstaunliche Microsimulation von Staus und Stop-and-Go Wellen auf Fernstraßen empfohlen.

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